Fränkisches Dreieck
Leichen pflastern ihren Weg. Egal, wo Paul Jonas und Stijepo Bistri? auftauchen: Es ist ein Mord geschehen. Allen Fällen gemeinsam ist, dass es eine(n) dringend Tatverdächtige(n) gibt. Das Problem ist, dass diese jeweils ein astreines Alibi haben.
Auf der Seite der Gesetzeshüter erleben Marko Bistri? und seine Freundin Elli Stengl ihre erste Bewährungsprobe als Kommissar(in), doch die Ermittlungen der Polizei treten auf der Stelle.
Paul, der seine Brötchen mittlerweile als Schankkellner verdient, sieht sich genötigt, wieder in seinen früheren Job als Privatdetektiv zurückzukehren und seinen Freund Stijepo als Co-Detektiv zu engagieren. Auch Computerfreak Thorsten Grübel darf seine Fähigkeiten als Hacker mal wieder unter Beweis stellen.
ISBN: 978-3-6963-8639-9, erschienen 2026 bei BoD, 188 Seiten, 11,99 €, E-Book 6,99 €
Leseprobe
Kapitel 9: Paul Jonas muss ermitteln
Von Beruf war das zweite Mordopfer Fitness-Trainer im Studio The Body, das sich in der Kalbssiedlung befand. Dort begann ich mit meinen Ermittlungen.
Die meisten Geräte des Studios waren mit Menschen unterschiedlichen Alters belegt, wobei Frauen den weitaus größeren Anteil hatten. Mehrere Trainerinnen und Trainer leiteten die Fitness-Süchtigen individuell an.
„Guten Tag, mein Name ist Paul Jonas, Privatdetektiv. Harry Künzls Eltern haben mich parallel zur Polizei mit der Aufklärung des Mordes an ihrem Sohn beauftragt“, log ich am Tresen des Studios der hübschen mittelgroßen blonden Pferdeschwanzträgerin vor. Sie trug ein bauchfreies ärmelloses Oberteil, das ihre trainierten Arme und Bauchmuskeln gut erkennen ließ.
„Das ist schön, dass auch du den Mörder hinter Gitter bringen willst. Die Polizei war bereits vor einigen Tagen da und hat uns befragt. Wir trauern sehr um unseren Beauty Harry. Ich bin übrigens die Alexa.“
Mit der Hand wies sie auf die Bilderwand neben dem Tresen, auf der die Trainerinnen und Trainer abgebildet waren. Das Bild eines blonden gebräunten Strahlemanns mit Zahnpastalächeln trug einen schwarzen Trauerbalken. „Harry“ verkündete das Schild unter dem Konterfei.
„Was für ein Typ war dieser Harry? Wer mochte ihn? Wer konnte ihn nicht ausstehen? Hatte er eine feste Beziehung?“
Alexa rollte ihre Augen schwärmerisch nach oben.
„Ach Paul, ich kenne keine Frau, die nicht auf Harry gestanden wäre. Ihm haben wir die meisten unserer weiblichen Mitglieder zu verdanken. Alle wollten von ihm betreut werden, und sie waren traurig, wenn sie mit einer anderen Trainerin oder Trainer mal vorlieb nehmen mussten.“
„Das dürfte aber zu Neid zwischen einigen Frauen und zur Eifersucht einiger Männer geführt haben.“
„Die Männer haben oft über ihn gelästert und ihn neidisch als Schleimer und Lackaffen bezeichnet. Aber er gab jeder Frau das Gefühl, nur für sie da zu sein, auch wenn jede wusste, dass dies nicht stimmte. Eine hat mal gesagt, sie teile lieber Harry mit zehn anderen Frauen als ganz auf ihn zu verzichten.“
„Na das muss ja ein toller Hecht gewesen sein! Hört sich ja nach fünf- bis zehnmal Sex täglich an.“
„Da liegst du falsch! So einer war Harry nicht. Er war in erster Linie ein Charmeur, aber kein Sexmonster. An das Aussehen der Frauen, die er sexuell beglücken wollte, stellte er hohe Ansprüche. Wer nicht groß, schlank und mit gut definierten Muskeln war, kam für ihn nicht in Frage. Auch ich habe mal von einer Nacht mit ihm geträumt, aber ich war ihm vermutlich zu klein.“
Mann, o Mann, war das ein Idiot! Alexa war eine Sahneschnitte erster Klasse. Bevor ich mit Nicoletta zusammen war, wäre sie eine echte Herausforderung für mich gewesen. Früher hatten oft schöne Erlebnisse meine Detektivarbeit versüßt. Aber ich war heilfroh, dass ich nun in festen Händen war. Schließlich war ich bereits 50 Jahre alt.
Alexa war ein wahrer Glücksgriff für mich. Nicht aus optischen Gründen, sondern wegen ihrer Redefreudigkeit. Es war eindeutig erkennbar, dass auch sie bis über beide Ohren in den toten Frauenschwarm verliebt gewesen war.
„Hoffentlich hat er mit seinen Idealvorstellungen von einem Frauenkörper keine Lady in die Magersucht getrieben.“
„Das hätte Harry nie gemacht! Gut, scherzhaft hat er schon mal gesagt ‘Am Bauch und am Po muss aber noch einiges weg’, aber damit wollte er die Clubmitglieder nur motivieren und hat ihnen dann auch entsprechende Übungen gezeigt. Er war wirklich ein erstklassiger Trainer. – Obwohl: Vor etwa einem Jahr betreute er ein Mädchen, das höchstens 20 Jahre alt und ein klein wenig pummelig war. Die hatte es mit dem Training tatsächlich übertrieben und mega abgenommen. Vermutlich hat sie sich nicht richtig ernährt. Sie war nach einiger Zeit nicht schlank, sonder voll mager und ausgezehrt. Einmal ist sie im Studio zusammengeklappt, so dass wir die Sanitäter holen mussten. Komisch – seitdem haben wir sie nicht mehr gesehen. Hoffentlich ist sie wieder gesund geworden. Aber Harry hatte bestimmt keine Schuld daran. Er gab auch jedem Ernährungstipps und … Du bist aber sicher kein Bulle, oder doch?“
„Sicher nicht! Ich bin Detektiv und kann wesentlich effektiver als die blöden Bullen arbeiten, da ich nicht an deren Vorschriften gebunden bin. Mir ist es ein echtes Anliegen, Harrys Mörder zur Strecke zu bringen. Das bin ich nicht nur seinen Eltern, sondern auch dir schuldig. Es ist doch deutlich erkennbar, welch schweren Verlust ihr durch seinen Tod erlitten habt. Je mehr ich über Harry und sein Umfeld erfahre, umso eher finde ich seinen Mörder.“
„Ich glaube dir, Paul. Für einen Bullen wärst du auch viel zu nett. Also: Harry gab nicht nur Ernährungstipps, sondern verkaufte auch Pillen, was jedoch in unserem Studio streng verboten ist – aber nicht vor dessen Tür.“
„Verstehe! Doch wirken die Pillen auch oder zockte er die Leute nur damit ab?“
„Schau mich an! Ich bin der lebende Beweis dafür!“
Alexa warf sich in Pose und spannte ihre Muskeln an. Sie hatte Muskeln, aber nicht so übertrieben wie weibliche Bodybuilderinnen, so dass es ästhetisch und sogar richtig sexy wirkte.
„Zum Anbeißen!“, sagte ich nicht, nickte aber anerkennend und bemerkte: „Aber deine Pillenquelle ist nun leider mit Harrys Tod versiegt.“
„Ja, leider, wobei mich der Tod unseres Trainers weit mehr belastet als das Fehlen der Pillen. Doch es hat sich eine neue Quelle aufgetan.“
Ich schaute Alexa fragend an.
„Seit Anfang September haben wir ein neues Mitglied, das schnell einen guten Draht zu Harry gefunden hat. Sie war anscheinend auf eine Empfehlung hin zu uns gekommen und hat mich gleich nach Harry gefragt. Er hat mit ihr das übliche Beratungsgespräch für neue Mitglieder geführt, einen individuellen Trainingsplan aufgestellt und sie an den Geräten eingewiesen. Sie kam fast täglich zum Training. Nach einigen Tagen bot er ihr seine Pillen an, die sie jedoch ablehnte, weil sie bereits einen Trank hatte, der Fettabbau und Muskelaufbau hervorragend förderte. Harry wurde sofort neugierig, und sie hat ihm tags darauf eine Flasche des Wundermittels mitgebracht…“
Alexa gab einen kurzen halblauten Schrei von sich, schlug ihre Hand auf den Mund und sah mich mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an.
„Um Gottes Willen! Ich bin ja so blöd! Daran habe ich bis jetzt noch gar nicht gedacht!“
„Was hast du? Woran hast du nicht gedacht?“
Alexa atmete ein paarmal aufgeregt durch.
„Ich glaube, Harry könnte an dem Trank gestorben sein. Am Freitagnachmittag hat er die Flasche von ihr bekommen. Er hat sie mir kurz gezeigt und erklärt, dass er das Mittel heute noch ausprobieren will. Ob er sie bereits im Studio getrunken hat oder erst später kann ich nicht sagen. Aber am nächsten Tag hat er sich wegen starker Magenschmerzen krank gemeldet. Gestern haben wir von der Polizei erfahren, dass er gestorben ist. Sollte der Trank die Ursache dafür gewesen sein?“
„Gut möglich! Wie hieß das Mittel? Wie sah die Flasche aus?“
„Keine Ahnung! Harry hat sie mir nur ganz kurz gezeigt. Es war eine typische weiße Flasche mit Schraubverschluss, wie sie die meisten Powerdrinks haben.“
„Ist diese Dame heute hier?“
„Nein, seit dem bewussten Freitag habe ich sie nicht mehr gesehen. Warte, im Computer finde ich sicher ihren Namen und ihre Anschrift. – Da: Cora Wunderlich, wohnhaft in der Rosenstraße xx in Fürth. Oh, die ist ja schon 48, sieht aber deutlich jünger aus.“
„Hast du ein Bild von ihr?“
„Nein, Bilder unserer Mitglieder sind nicht gespeichert. Sie ist etwa 1,70 m groß, schlank und hat lange schwarze, leicht gewellte Haare. Mehr kann ich dir leider nicht sagen.“
„Was du mir heute erzählt hast, bringt meine Ermittlungen meilenweit voran. Danke, Alexa! Was hast du eigentlich den Bullen gesagt?“
„So ziemlich das gleiche wie dir, Paul. Nur über die Sachen von den Pillen und von Coras Trank habe ich nichts erzählt. Ich will ja unser Studio nicht in Verruf bringen.“
Super! Damit hatte der „eingerostete Detektiv“ einen wesentlichen Wissensvorsprung gegenüber den arroganten Profis. Ich bohrte weiter nach.
„Diese Cora Wunderlich werde ich mal aufsuchen und ausquetschen. Gibt es aber vielleicht doch noch jemand, der einen Zorn auf Harry gehabt haben könnte? Ein eifersüchtiger Ehemann vielleicht?“
Alexa sah mich erstaunt an.
„Du bist wirklich ein intelligenter Kerl, Paul. Du stellst Fragen, auf die nicht einmal die Polizei gekommen ist. Und du hast recht! Vor ein paar Wochen gab es einen hässlichen Vorfall bei uns. Pinars Mann tauchte unerwartet bei uns im Studio auf und zwar just zu dem Zeitpunkt, als sie sich von Harry mit Umarmung und Küsschen verabschiedete. Und dann ging’s los: Zwei Ohrfeigen für Pinar und ein türkischer Wutanfall. Nachdem er seine Frau zusammengeschrien hatte, ging der brutale Typ auf Harry los. Natürlich waren schnell zwei weitere Trainer bei ihm, die Pinars Mann festhielten und ihn vor die Tür beförderten. Erst der Hinweis, die Polizei zu holen und die Erteilung von Hausverbot, hielten den Kerl ab, zu randalieren. Doch die Drohung ‘Du bist tot, Hurensohn!’ konnte er sich nicht verkneifen. Pinar haben wir seitdem nicht mehr gesehen.“
„Habt ihr Anzeige erstattet?“, unterbrach ich Alexas Bericht.
„Nein, denn das hätte eventuell unseren Ruf schädigen können. Doch weiter im Text. Wir wussten von Pinar, dass ihr Mann extrem eifersüchtig war und nicht wollte, dass sie in unser Studio ging. Zum Glück hatte ihr Alter Schichtdienst. Sie kam immer zu uns, wenn er auf Arbeit war. Dem würde ich wesentlich eher als Cora Wunderlich den Mord an Harry zutrauen. Soll ich dir die Adresse von Pinar geben?“
„Auf jeden Fall! Danke für deine Unterstützung, Alexa! Wenn ich noch etwas wissen will, schaue ich wieder vorbei.“
Alexa kam hinter dem Tresen hervor, umarmte mich und drückte mir ein Küsschen auf die Wange.
„Ich bin so froh, dass auch du ermittelst, Paul. Du findest Harrys Mörder sicher. Danke!“
„Oder die Mörderin. Ciao, Alexa!“